In den 80er Jahren galt der gebürtige Friedrichshafener STEFAN WAGGERSHAUSEN als einer der erfolgreichsten Gratwandler zwischen Deutschpop, Schlager und Chanson. Der scheue Hochbegabte präsentierte seinerzeit Bitterböses („Es geht mir gut“, „Und der Teufel schaut mir über die Schulter“), Verträumtes („Hallo Engel“, „Mitten ins Herz“), beißend Ironisches („Cafe’ Royal“, „Bitte Herr Doktor“), Nächtlich-Urbanes („Zu nah am Feuer“, „Wenn es so sein soll“) oder einfach nur Liebevolles („Ich hab in mir ne Überdosis von Dir“, „Anna mit Alarm im Herzen“).
In der Folgedekade entdeckte der studierte Psychologe US-amerikanischen Folk, Blues und Swamp Rock im Sinne, etwa eines Willy de Ville, John Fogerty oder Tony Joe White, für sich. Die Alben „Louisiana“ (1995) oder „Unterm Cajun-Mond“ (2004) waren wahre Meisterwerke, kommerziell, wie gleichsam qualitativ höchst erfolgreich.

In den letzten Jahren hatte sich der „Sanfte Rebell“ (so nannte sich eine ausgezeichnete LP aus 1982) allerdings rar gemacht. Stefan konzentrierte sich auf seinen Musikverlag, die Produktion von Filmmusiken, das Schreiben von Drehbüchern und seine Tätigkeit als Mitglied im Aufsichtsrat der GEMA – neue CDs mit neuen Songs blieben aus.
Und nun das: Der 61jährige Familienvater geht bei Ariola/SONY nach langer Zeit mit einem brandneuen Album an den Start: „So ist das Spiel“ beinhaltet zwölf oft episch ausufernde – bis zu acht, neun Minuten lange – Klangdramen, stilistisch angesiedelt eher bei Stefans „Louisiana“-Phase, als beim Schlager-Chanson der 80er.
Blues, Slide-Gitarre, knochentrockener Südstaaten-Rock beherrschen das Geschehen; Ex-Teenager-Idol Sasha, die sachsen-anhaltinische Deutschpopperin Annett Louisan, NDW-Legende Nena und sogar die italienische Chanteuse Alice, mit der der Künstler 1984 den Tophit „Zu nah am Feuer“ aufgenommen hatte, sind als Duettpartner und/oder ChorsängerInnen mit von der Partie, die besten Studiomusiker Deutschlands, von Prof. Peter Weihe (git, b) über Udo Arndt (perc.) bis Kristian Schultze (pi, key) geben sich ein Stelldichein.
Der Eröffner von „So ist das Spiel“, „Sonne im Westen“, erinnert hinsichtlich Gitarrenspiel an die „Dire Straits“ bzw. Mark Knopfler. Latenten Bluesrock – sacht, aber zugleich deftig – legt die erste Radiosingle aus vorliegender Silberscheibe, „Der alte Wolf wird langsam grau“, an den Tag, wobei darauf hingewiesen muß, daß dieser Titel nichts mit dem gleichnamigen Chanson von Hildegard Knef (2008 kongenial gecovert von Blues-Brummbär Klaus Lage) gemein hat, das damals von Hans Blum alias „Henry Valentino“ verfasst worden war.
Zwischen knisterndem Blues und sanfter, nächtlicher, morbider Ballade verbleibt, knapp acht Minuten lang, das so abgeklärte, wie zerbrechliche Epos „Dein Lächeln zum Abschied“. Ein Lied, das tief in das Seelenleben des Interpreten blicken lässt, extremst intim wirkt, aber dennoch auch für alle interessierten Zuhörer nachvollziehbar ist. Ebenso melancholisch und nachdenklich ertönt, unterstützt von Gaststar Alice, die gesungene Depression „Was soll ich Dir sagen“. Weitaus positiver erklingt dagegen der Gitarren-Slow-Blues „Für Dich“, den Stefan zusammen mit Nena intoniert.
Einen gewissen Lokalpatriotismus – wenn auch augenzwinkernd dargeboten – beschreibt der witzige Talking Blues „Ich will zurück zum Bodensee“ – darin geht es um einen Mann, der sich Jahrelang auf Odyssee durch ferne Länder begeben hatte und auf einmal wiederum Sehnsucht nach seiner Heimat bekommt und genau dorthin zurück möchte. Da Stefan bekanntlich aus Friedrichshafen stammt, einer Stadt eben am Bodensee gelegen, dürfte es sich bei hier vorgestelltem Titel um ein mehr als nur autobiographisch geprägtes Lied handeln.

Eine spannende Mixtur aus Rockabilly und Chanson, stellt der „Endlose Sommer“ dar, eine sechsminütige Reminiszenz an den „Summer of Love“ 1968 – ein Akkordeon (gespielt von Ludwig Seuss, seines Zeichens seit 1987 aktives Mitglied der Bayernrocker „Spider Murphy Gang“) verfeinert die rasante, eingängige, locker-legere Melodie – Sasha, der Dresdener Schauspieler Jan Josef Liefers und der Münsteraner Rockmusiker Henning Wehland von den „H-Blockx“ begleiten hierbei den unberechenbaren Friedsrichshafener Pop-Chansonnier gesanglich.
Um den emotionalen Werdegang einer offenkundigen Traumfrau namens ‚Ramona’ dreht es sich in der wiederum über sechsminütigen Klangelegie „1000 Küsse leicht“ – eine Frau, vermutlich sehr unglücklich, eine verkannte Schönheit – mit 17 glücklich, wegen all ihrer Verehrer, mit 34 mittendrin im Leben, besitzt sie alles, was man/frau nur haben kann, mit 43 ängstlich vor dem Altern – und vielleicht 20 Jahre später niederschmetternd „Der Spiegel lügt sie nur noch schön…“ (Textzitat) – eines Tages steht ‚Ramona’ zum letzten Mal vor dem Spiegel. Offenkundig begeht sie danach Suizid – und ihr Herz war in diesen, alles entscheidenden Sekunden „1000 Küsse leicht“… Eine genialische psychologische Analyse einer Frau, die Du lieber Stefan, womöglich persönlich getroffen hast?
Auf den sehr philosophischen Titelsong „So ist das Spiel“ folgt ebensolches: „Die Zeit wartet niemals“ ist depressives Grübeln pur – aber äußerst gekonnt, trefflich und zum Nachdenken anregend umgesetzt.
„Und sie sahen sich nur an“ erzählt authentisch von der Trennung eines Paares. Stefan thematisiert die letzten Stunden, bevor ein Mann seine Frau und Kinder verlässt – in einer Offenheit und Formulierungskunst, die ihresgleichen lange suchen kann.
Kryptisch, verklausuliert, trifft man sich schlußendlich auf der „Babylon Avenue“ – acht Minuten lang eine Reise in das Land der „Nebukadnezar“, der vier babylonischen Könige aus der Zeit vor Christi Geburt
„So ist das Spiel“ ist ein – im positivsten Sinne der Worte – schwerfälliges, wie schwermütiges Album geworden. Stefan Waggershausen verarbeitet hierauf Persönliches, Erlebtes, Erdachtes – und dies in prägnantester Form. Die von ihm durchwegs selbst verfassten Texte sind phänomenal; die Kompositionen jedoch untereinander allzu ähnlich. Es ist zuwenig Melodie vorhanden, es sind letztlich Gedichte – phantastische, keine Frage –, die mit einwenig Musik unterlegt wurden.
Es ist ein Album, das bestimmt sehr polarisieren wird, das nicht alltäglich ist – ein reifes Alterswerk mit hoch intelligenten, teils von Selbstzweifeln geprägten, teils immens gefühlvollen Texten bester Güteklasse – wenn auch schwerverdaulich und zum Nachdenken anregend.
Der Rezensent ist sehr gespannt, wie „So ist das Spiel“ beim ‚breiten Publikum’ ankommt. Garantiert eines der vielseitigsten, meist diskutierten deutschen Popalben des Jahres 2010!
Quelle: Holger Stürenburg, 16./17. März 2010 |